Main menu:


Suche

Kategorien

Archiv

Gesundes Saatgut ist ein Kulturgut!

Der Rheinauer Klosterplatz ist nicht nur Sitz des Vereins Gen Au Rheinau, der Lobby für gentechfreies Saatgut, sondern auch der Firma Sativa, der Produktionsstätte für ökologisches Pflanz- und Saatgut. Ein Porträt mit Interview des Sativa-Geschäftsleiters und Gen Au Rheinau Vorstandmitglieds, der sich in seiner täglichen Arbeit dafür engagiert, dass es in der Landwirtschaft weiterhin freies, nicht patentiertes Bio-Saatgut gibt.

Im ehemaligen Gästehaus des Klosters (rechts) wird auch im Winter Saatgutarbeit geleistet.

Auf den Feldern von Gut Rheinau liegt Schnee, ab und an ein Acker, wo grüne Rosetten rauslugen, Nüsslisalat. Ansonsten kaum Zeichen von landwirtschaftlichem Wirken. Ein Betrieb im Winterschlaf? Weit gefehlt! Wer beim ehemaligen Gäste haus am Klosterplatz die paar Stufen hochsteigt, gelangt zur Schaltstelle von «Sativa», einem Produktionsbetrieb für ökologisches Pflanz- und Saatgut. Auf 200 Quadratmetern wird in einem gemeinsamen Büro emsig gearbeitet, damit im Frühjahr das Saatgut für Hof oder Garten rechtzeitig bereit steht. Insgesamt gehen in den vier Wintermonaten 5000 Bestellungen ein, was konkret 100 000 Saatgutbeuteln entspricht. Zum Teil stehen diese bereits abgefüllt in den Regalen parat, andere Bestellungen wie 2500 Tomatensamen oder 300 Kilogramm Hafersamen werden speziell abgezählt oder von einer Palette im Lager geholt. In der Mitte des hellen Büros türmen sich die gelben Dispoboxen der Post, welche die Unversehrtheit der Sämereien, Blumenzwiebeln, Kartoffeln usw. gewährleisten. Alle angebotenen Sorten sind «samenecht», das heisst es handelt sich um fruchtbare Sorten, die einen Nachbau erlauben, im Gegensatz zu den Hybridsorten, deren Samen nicht für den weiteren Anbau verwendet werden können. Der Geschäftsführer und Agronom Amadeus Zschunke hat seinen Schreibtisch im gleichen Raum. Vor 12 Jahren hat er die Saatgutfirma mitbegründet, inzwischen ist ein 10-köpfiges Team mit Pflege, Erhaltung und Neuentwicklung von insgesamt 1000 Sorten betraut, wovon 400 im Sativa- Saatgutkatalog aufgeführt sind. Das alles ist mit viel Arbeit verbunden und erfordert die Spezialkenntnisse eines gelernten Züchters, der ebenfalls im Team ist. Die gentechfreie Saatgutversorgung ist Zschunke ein grosses Anliegen. Darum trifft er sich regelmässig mit VertreterInnen der Politik sowie des Zürcher, Schaffhauser und Badischen Bauernverbandes. Sie sind wie er Vorstandsmitglieder von Gen Au Rheinau und an der langfristigen Entwicklung von gentechnikfreiem Saatgut interessiert: Saatgut ist das A und O der Landwirtschaft, die Grundlage für unsere Ernährung sowie für eine chüstige Küche.
Amadeus Zschunke, was zeichnet eure Saatgutarbeit besonders aus?
Amadeus Zschunke mit Federkohlpflanzen, die zur Samenvermehrung dienen. Am Anfang konzentrierten wir uns auf die so genannte «ökologische Vermehrungsarbeit». Es ist wichtig, dass gesundes Ausgangssaatgut verfügbar ist. Sativa hat sich darauf spezialisiert. Wir erhalten alte bewährte wie auch moderne Sorten und selektieren jeweils die besten Pflanzen aus.
Sativa ist sozusagen eine Genbank?

Ja, im Sinn einer «lebendigen» Genbank, die sich ständig den lokalen Bedingungen anpasst. Dieses Ausgangssaatgut geben wir dann einem unserer 70 Vermehrungsbetriebe in der Schweiz oder in Europa zur Vermehrung in Auftrag. Das ist darum sinnvoll, weil wir meist zu viele Niederschläge während der Samenreife haben und auch vom Platz her nicht alles selber anpfl anzen können. Eine gute Samenqualität und sichere Ernten sind zudem nur erreichbar, wenn die Samenkulturen auf verschiedene Betriebe verteilt werden.
Inwiefern spielt die Pflege alter Sorten eine Rolle?
Wir bekommen etwa von ProSpezieRara Aufträge, das Ausgangssaatgut von altem oder seltenem Saatgut zu erhalten oder zu verbessern, wenn eine Sorte vernachlässigt wurde und sich Unförmigkeiten bilden, wie beim Küttiger Rüebli. Voriges Jahr war das Bayrische Fernsehen zu Gast, um anlässlich des 25-jährigen Jubiläums von ProSpezieRara einen Produktionsort alter Sorten zu dokumentieren.
Alte Sorten haben manchmal den Nachteil, langsam zu wachsen. In der Folge sind Bioproduzenten damit nicht mehr konkurrenzfähig.
Stimmt. Darum haben wir vor vier Jahren mit der biologischen Züchtungsarbeit begonnen. Wir möchten damit einen Beitrag leisten zur eigenständigen Saatgutversorgung. Allerdings ist das eine sehr aufwändige Arbeit, die bis zu 14 Jahre in Anspruch nehmen kann. Wir haben heute acht Züchtungsprojekte bei acht verschiedenen Pflanzenarten. Ein Beispiel ist der Zuckermais, von dem es zurzeit auf dem Markt nur Hybridsorten gibt. Gerade im Zeitalter der Gentechnik möchten wir beim Zuckermais nicht auf Dauer vollständig von US-amerikanischem Hybrid-Saatgut abhängig sein.
Und wie entwickelt sich der Zuckermais?
Auf den Paletten liegt Getreide-Saatgut für die Felder im Frühjahr. Bevor eine Sorte definitiv angebaut werden kann, braucht es ein Versuchssaatgut. Letztes Jahr haben wir dieses erstmals an Anbauer im Kanton Aargau, Thurgau und im Elsass zur Aussaat gegeben. Für mich war es extrem spannend zu erfahren, wie unser Zuckermais anderswo gedeiht. Es war, wie wenn ich in der Schule zu einem Elterngespräch abmachen würde, um zu erfahren, wie sich mein Kind entwickelt. Die Rückmeldungen zum «Zuckermaiskind» waren positiv. Unsere Zuckermaiszüchtung wird übrigens von der Käserei «Baer» finanziell unterstützt, die sich ja auch im Abstimmungskampf für das Gentechmoratorium eingesetzt hatte.
Was ist euer grösstes Anliegen bei der Saatgutproduktion?
Beispiel Endivien-Saatgut, Sorte «Diva»: Die Erhaltungszüchtung wird in Rheinau betrieben. Dem Konzentrationsprozess der Saatgut-Industrie entgegenzuwirken. Immer grössere Konzerne sichern sich den Zugang zu Saatgut. Die Genforschung sowie die Patentierungsansprüche der Konzerne beschleunigen diesen Prozess. Patentierter Einheitsbrei verstärkt einerseits die Abhängigkeit der Landwirte gegenüber den Grosskonzernen. Zudem wird dem erfolgreichen Biolandbau, der auf regionale Vielfalt setzt, die Basis entzogen, weil immer weniger biologisches, regional angepasstes Saatgut zur Verfügung steht. Gesundes Saatgut ist ein Kulturgut! Darum schätze ich es sehr, dass es Gen Au Rheinau gibt und wir mit vereinten Kräften dafür sorgen können, dass auch in Zukunft nicht alles gleich schmeckt!