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Den Schatz der Region schützen!

Drei Jahre Gen Au Rheinau: Die heute selbständige Initiative wurde von Fintan angeregt. Seit 1998 hatte sich mit den Betrieben Sativa und Gut Rheinau ein markanter Schwerpunkt der biologischen Saatgutarbeit in Europa gebildet. Dann wuchs die Gefahr einer Verschmutzung der Fintan-Saatfelder durch Gentech-Saatgut vom nahen Deutschland her. Denn die Biene, die an Landesgrenzen Halt macht, muss zuerst gefunden werden. Und auch Maispollen fliegt, zum Beispiel über den Bodensee. Achtung: Bei der Saatgutfrage geht es um weit mehr als Bio. Es geht um unsere Nahrungssicherheit überhaupt. Was beim Wasser längst selbstverständlich ist, muss heute für die Kulturpflanzen durchgesetzt werden: Bestimmte Regionen müssen als Saat-Quellen verstanden, gepflegt und wirkungsvoll geschützt werden.
Das Anliegen wurde beidseits des Rheins verstanden: von Gemeindebehörden, Institutionen, Umweltverbänden, vielen Einzelmenschen. Und vor allem auch von den Bauern: Die Weinländer Landwirtschaft ist ausschliesslich Bio und IP, also ohnehin gentechfrei. (Siehe Gespräch mit E. Meyer Seite 2.) Und auf deutscher Seite ist die Bereitschaft zur Selbstverpflichtung gross. Mit einem eindrücklichen Fest konnte darum am 25. Juni 2005 auf dem Rheinauer Klosterplatz die Proklamation der Gen Au Rheinau erfolgen. Die Fintan Zeitung hat in früheren Ausgaben darüber berichtet.
Lilith C. Hübscher aus Winterthur ist vielseitig naturverbunden, als Pharmaassistentin und Medienfachfrau ausgebildet und seit 2006 Kantonsrätin der Grünen. Im Gespräch mit ihr kann einem ein Wort des Dichters Novalis in den Sinn kommen: Der Anlass ist ernst, die Gesellschaft heiter. Die Co-Präsidentin des Vereins Gen Au Rheinau schafft es, dass einem beim Thema „Schutz vor Gentech“ das Herz warm wird.
Hübscher kämpft „für“, nicht „gegen“. Obwohl sie die dunklen Seiten der Saatgut-Multis gut kennt: Bewusstes Abhängig-Machen der Bauern in der ganzen Welt. Verarmung auf ein paar wenige industrielle Standard-Sorten. Gezielte Gentech-Verschmutzung von Saatgut zur Schaffung fertiger Tatsachen. Patentierung von Menschheits-Naturgütern als Eigentum Weniger. Undsoweiter.

Lilith Hübscher, wofür setzt sich Gen Au Rheinau ein?
Für gesundes, gentechfreies Saatgut. Wir wollen die naturnahe Landwirtschaft mit ihrer heutigen Vielfalt an Kulturpflanzen erhalten. Und damit die traditionellen bäuerlichen Kenntnisse wie auch innovative Neuzüchtungen. Die Natur sichert sich gegen System-Zusammenbrüche durch ihre Vielfalt ab. Wir dürfen sie ihr nicht nehmen. Den Saatgut- und Vielfalt-Schatz unserer Region kennt man eigentlich kaum. Man schützt aber nur, was man schätzt, und man schätzt nur, was man kennt. So kamen wir auf die Idee zu unserer Vielfalt-Veranstaltung „1001 Gemüse“: Der «Degustationsbändel», den man als Eintritt kauft, ist der „Sesam öffne dich“-Schlüssel, der den Schatz Biodiversität nicht nur für die Augen, sondern auch für den Gaumen öffnet.

„Schutz vor Gentech“ scheint pressant. Aber heute pressiert ja alles.
Die Gentech-Befürworter versprechen seit 30 Jahren, im Labor noch ertragsfähigere Sorten zu züchten. Von daher pressiert es nicht so furchtbar. (Wird ernst.) Es geht ums Vorsorgeprinzip, da sind wir nicht von heute auf morgen, sondern erst  auf übermorgen bereit. Um die Region als lebendige Gen-Quelle zu sichern, müssen wir Erfahrungen zusammentragen, neue Entscheidungen treffen, Strukturen schaffen. In den Bereichen Recht, Wissenschaft, Gesellschaft. Und ökologische Forschungsprojekte für zeitgemässe Saatgutentwicklung in Gang setzen. All dies wird geschehen, sobald genügend Menschen die Notwendigkeit dieser Ziele und Herausforderungen einleuchtet. Bereits 500 Menschen unterstützen Gen Au Rheinau mit ihrer Mitgliedschaft.

Gen Au Rheinau und die Saatgutmultis, das tönt nach einer David-und-Goliath-Geschichte. David hatte eine Steinschleuder. Was habt ihr?
Wir haben einen unbändigen Willen, die Vielfalt und die Fruchtbarkeit als A und O des Lebens zu erhalten. Wir wollen grosszügiges, weltoffenes Saatgut, nicht geiziges, enges Rendite-Saatgut. Wir haben ein weites Netzwerk von Institutionen, prominenten Persönlichkeiten, engagierten Fachleuten, bodenständigen Bäuerinnen und Bauern, Züchtern, Politikerinnen. Dieses Netzwerk hat die Abstimmung zum 5-jährigen-Anbaumoratorium durchgebracht, die erste Volksinitiative überhaupt, die trotz Nichtempfehlung durch Bundesrat und Parlament angenommen worden ist, und zwar von allen Ständen! Im Zentrum dieses Netzwerks steht das Gespann von Konsumentinnen und Produzenten. Dieses Gespann ist so stark, dass es sich nicht sprengen lässt. Warum? Weil sich hier Konsumenten wie Produzenten, über die Grenzen von Parteien und Anbaumethoden hinweg, als freie Menschen zusammenschliessen, um Verantwortung für die Natur und die Zukunft zu übernehmen. Die Initiative Gen Au Rheinau ist ein Schmelztiegel, und das ist die Kraft, die darin wirkt. Ein Baum, der gefällt wird, macht viel Krach. Den, der wächst, hörst du nicht.

Was habt ihr politisch erreicht?
Wir haben koordinierte Vorstösse in verschiedenen Kantonsparlamenten, im deutschen Bundestag und in deutschen Landstagen aufgegleist. Wir stehen in permanentem Erfahrungsaustausch mit verschiedenen Parlamentariern. Die Reaktion des Zürcher Regierungsrats war grundsätzlich positiv. Die Umsetzung in Richt- und Zonenplan geht nun über das Parlament. Der Bundesrat möchte das Moratorium verlängern. Gen Au Rheinau koordinierte die Unterschriftensammlung für die „Initiative gentechnikfreie Bodenseeregion“. Die Anliegen wurden im Juni 2008 von der Internationalen Bodenseekonferenz in Leitbild und Massnahmenplan aufgenommen – nicht wörtlich, aber inhaltlich.

Was wünschst du dir für das Jahr bis zu „1001 Gemüse“ 2009?
Habe ich einen Wunsch oder mehrere?

Es gilt das Prinzip der Vielfalt.
Ich habe 1001 Wünsche…