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Ohne Saatgut kein Leben, ohne Vielfalt keine Zukunft

Vielfalt gegen Hunger. Mit diesem Motto ist die Saatgutkarawane vom 25. Mai bis 4. Juni 2010 durch die Schweiz getourt. Sie hat auch bei uns in der Rheinau halt gemacht. Es folgt der Abschlussbericht:

Ohne Saatgut kein Leben, ohne Vielfalt keine Zukunft

Das Saatgut ist die Grundlage unserer Ernährung und damit allen Lebens. Wer das Saatgut besitzt bzw. kontrolliert hält den Schlüssel für die Ernährungssicherheit und damit für das Überleben der Menschheit in der Hand.

Seit Jahrtausenden sind es die Bäuerinnen und Bauern, die das Saatgut aufbewahren, weiterentwickeln und züchten. So haben sie an die 10’000 Kulturpflanzenarten mit jeweils einer Vielzahl an Sorten entwickelt. Diese Vielfalt ist bedroht, 90 Prozent der Sorten sind bereits von den Äckern verschwunden. Weltweit liefern nur noch 15 Pflanzen- und acht Tierarten die Grundlage unserer Ernährung. Auch die Sortenvielfalt innerhalb dieser wenigen Arten ist stark zurück gegangen. Die Ursachen für diesen dramatischen Verlust an Vielfalt liegen hauptsächlich im Vormarsch einer industriellen Landwirtschaft, die auf energie-, wasser- und chemieintensiven Monokulturen beruht. Letzte Entwicklung dieser umweltzerstörenden Landwirtschaft sind gentechnisch veränderte, patentierte Kulturpflanzen. Gentechnologie in der Landwirtschaft führt darüber hinaus zu genetischen Monokulturen. Dasselbe Gen wird in verschiedene Pflanzenarten eingeführt und weltweit angebaut. Diese Monokulturen gehen einher mit einer zunehmenden Monopolisierung des Saatguts.

Monopolsituation auf dem internationalen Saatgutmarkt: gefährliche Abhängigkeit und reduzierte Vielfalt

Weltweit werden zwei Drittel des Saatguts kommerziell gehandelt, das heisst von Saatgutunternehmen verkauft. Nur noch ein Drittel ist Saatgut, das die Bauern und Bäuerinnen von ihrer Ernte zurückbehalten oder untereinander tauschen. Dies ist vor allem in Entwicklungsländern der Fall.

  • Vor 25 Jahren waren noch über 7′000 kommerziell tätige Pflanzenzucht-Unternehmen registriert, keines von ihnen kontrollierte mehr als 1 Prozent des internationalen Marktes.
  • Heute kontrollieren nur zehn Saatgutkonzerne 67 Prozent des internationalen Saatgutmarktes. Allein die vier grössten Konzerne (Monsanto, Syngenta, DuPont, Limagrain) kontrollieren über 50 Prozent des Marktes

Diese Monopolsituation ist gefährlich. Die Handvoll Konzerne, die den Markt kontrolliert, bestimmen sowohl, welche Pflanzen gezüchtet werden und auf dem Markt kommen, wie auch die Preise. Mit der Gentechnologie in der Pflanzenzucht hat sich auch die Patentierung von Saatgut durchgesetzt. Mittlerweile werden sogar konventionell gezüchtete Pflanzen und Tiere patentiert. Die Marktmacht der Konzerne hat direkte Auswirkungen auf die Bauern: In den USA beispielweise haben sich die Saatgutpreise innerhalb von zehn Jahren um 146 Prozent erhöht, 64 Prozent allein in den letzten drei Jahren. Mehr als 80 Prozent der Soja- und Baumwollernte enthält mindestens eine patentiertes Gen von Monsanto, bei Mais sind es 70 Prozent. In Indien wird seit drei Jahren kein konventionell gezüchtetes Baumwollsaatgut ohne Gentechnologie produziert. 95 Prozent der indischen Baumwolle ist gentechnisch verändert. Das Gentech-Saatgut ist bis zu 300 Prozent teurer als die konventionelle Baumwolle.

Die Monopolsituation reduziert darüber hinaus auch die Arten- und Sortenvielfalt in der Landwirtschaft. International tätige Unternehmen züchten Universalsorten, die weltweit vermarktet werden können. Sie sind vor allem für grossflächige Monokulturen gezüchtet. Wichtigstes und oft einziges Kriterium dieser Züchtung ist der Ertrag. Andere Eigenschaften, wie die Anpassung an besondere klimatische Bedingungen, werden vernachlässigt. Diese Universal- bzw. Hochleistungssorten können jedoch nur erfolgreich eingesetzt werden, wenn über den Einsatz von ausreichend Kunstdünger, Bewässerung und Pestiziden die Umweltbedingungen an die Laborsituation angepasst werden.

Vielfalt entsteht jedoch vor allem über dezentrale, ökologische Züchtung auf dem Feld. So werden Sorten gezüchtet, die optimal an die jeweiligen Klima- und Bodenbedingungen vor Ort angepasst sind und kontinuierlich gemäss den sich verändernden Bedingungen weiterentwickelt werden. Angesichts des Klimawandels ist ein solche Züchtung wichtiger denn je. Vielfalt auf dem Feld ist daher der Schlüssel für Ernährungssouveränität und dem Kampf gegen Hunger.

Die Landwirtschaft ist für rund 30 Prozent der Treibhausgas-Emmissionen verantwortlich. Dies ist vor allem im hohen Einsatz von fossiler Energie durch Dünger und landwirtschaftliche Maschinen, die Rodung von tropischen Wäldern und den Transport landwirtschaftlicher Güter begründet. Energieintensive Monokulturen und die industrielle Fleischproduktion verschärfen die Klimaerwärmung, hält der Weltagrarbericht IAASTD fest.

Gleichzeitig ist die Landwirtschaft von den Klimaveränderungen sehr stark betroffen, was die zukünftige Ernährungssicherheit weltweit ernsthaft bedroht.

Die biologische Vielfalt in der Landwirtschaft ist eine zentrale Anpassungsstrategie. Eine grosse Vielfalt an Arten und Sorten erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass nicht die gesamte Ernte durch Extremwetterereignisse und die Verschiebung von Regenzeiten zerstört wird. Agrobiodiversität ist eine Versicherung für KleinbäuerInnen, die günstig und selbstbestimmt nutzbar ist. Statt der Förderung einzelner Sorten mit dem Fokus auf kurzfristige Erfolge brauchen wir nachhaltige Anpassungsstrategien, welche die Verwundbarkeit der Menschen in den Entwicklungsländern verringern. Eine nachhaltige und diversifizierte Landwirtschaft kann den Druck des Klimawandels abfedern.


Forderungen der Internationalen Saatgutkarawaneean die Schweiz:

Wir fordern ein Agrarpolitik für eine zukunftsfähige Schweizer Landwirtschaft, die auch angesichts des Klimawandels die Bevölkerung mit vielfältigen, regionalen, gesunden, gentechfreien und ökologisch produzierten Lebensmitteln versorgen kann. Die politischen Massnahmen müssen darauf abzielen, das Überleben der bäuerlichen Betriebe in der Schweiz langfristig zu sichern. Dies darf weder auf Kosten der Menschen – inklusive der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern – noch der Umwelt in anderen Ländern gehen.

Eine solche Agrarpolitik beinhaltet insbesondere die Förderung und finanzielle Unterstützung…

  • einer ökologischen Saatgutzüchtung in verschiedenen Regionen der Schweiz
  • einer gentechfreien Saatgutproduktion, die auch langfristig vor potentieller Verunreinigung durch gentechnisch veränderte Organismen geschützt ist
  • der Züchtung samenfester Sorten
  • des Erhalts, der Weiterentwicklung, der Verbreitung und des Nutzens der Sortenvielfalt in der Schweiz
  • das ausnahmslose Verbot von Patenten auf Pflanzen, Tiere, deren Eigenschaften und deren Gene
  • einer vielfältigen, ökologischen Landwirtschaft, die einen positiven Einfluss auf die Biodiversität der Schweiz hat und den Verbrauch an Energie und Chemikalien in der Landwirtschaft deutlich zu reduziert

Für die Klimapolitik der Schweiz bedeutet das, …

  • Agrobiodiversität und eine vielfältige, ökologische Landwirtschaft als Strategie zur Milderung des Klimawandels sowie zur Anpassung an veränderte klimatischen Bedingungen anzuerkennen und zu fördern.

Für die Handelspolitik der Schweiz bedeutet das, …

  • keinerlei Massnahmen zu ergreifen, die zu Preisdumping durch Exporte oder Importe führen. Diese zerstören lokale Märkte und damit die Möglichkeit der Produktion und Vermarktung lokaler Sorten und Rassen.

Für die Entwicklungspolitik der Schweiz bedeutet das, …

  • eine dezentrale und ökologische Züchtung auf dem Feld zu fördern und finanziell zu unterstützen
  • Zuchtprogramme zu zu unterstützen, die die Bäuerinnen und Bauern und ihr spezifisches Wissesn von Beginn an beteiligen
  • Bildung und Weiterbildung im Bereich der Saatgutzüchtung und –vermehrung zu fördern
  • den Erhalt, die Weiterentwicklung und den Nutzen der lokalen Vielfalt zu fördern, insbesondere auch über lokale und regionale Vermarktungsprogramme
  • in internationalen Verhandlungen darauf hinzuwirken, dass die Rechte der Bäuerinnen und Bauern am Saatgut und der lokalen Vielfalt gewahrt werden und sich insbesondere gegen strenge intellektuelle Eigentumsrechte wie z.B. Patente auf Pflanzen und Tiere einzusetzen

Der Konsum von lokalen, vielfältigen, gesunden, saisonalen, ökologisch produzierten sowie fair gehandelten Produkten hilft sowohl den Bäuerinnen und Bauern weltweit, wie auch der Vielfalt!